Es war kein schöner Abend in der Vorweihnachtszeit. Es regnete und Nebelschwaden zogen durch die Straßen von Ahlbeck. Nur die festlich geschmückten Vorgärten und Fenster gaben dieser Nacht etwas Warmes. Und ein kleiner Wichtel, der fröhlich hüpfend die lange Treppe vor einer großen Bädervilla in der Goethestraße hinauf stieg. Es war Felix, der durch die Dunkelheit tanzte, als gebe es weder Regen noch Nebel. Sein Herz pochte wild und seine Augen leuchteten wie zwei Sterne in der Nacht. Endlich war es wieder so weit. Endlich begann die Weihnachtszeit und er zog wieder bei Lieschen ein. Sein Menschenkind war jetzt fünf Jahre alt und er hatte schon so manchen Scherz mit ihr getrieben. Und so sollte es auch in diesem Advent sein.
Als Felix die oberste Stufe der Treppe erreicht hatte, drehte er sich schnaufend um und schaute über das nächtliche Seebad. Wie schön der Nebel die bunten Lichter verwischte. Wie Wassertropfen auf einem frisch gemalten Bild. Und Wassertropfen hingen auch an seiner Nasenspitze und am Zipfel seiner Mütze. Höchste Zeit, ins Trockene zu kommen, dachte sich der Wichtel und schob mit aller Kraft die riesige Eingangstür der Villa auf. Puh, die war schwer. Dann huschte er die beiden Treppen zur Wohnung hinauf und freute sich sehr, als er seine Wichteltür sah. Gleich neben der Eingangstür der Menschen führte sie in Lieschens Zuhause. Und in seines für die nächsten Wochen.
Drinnen war es warm und es duftete nach frisch gebackenen Plätzchen. In den Fenstern leuchteten Schwibbögen und Sterne. Die Wohnung war ganz still, alle schliefen, nur im Kamin glimmten ein paar Holzscheite und knackten leise. Daneben auf einem kleinen Tisch stand ein Teller mit Keksen und ein Glas Milch. “Für Felix”, stand auf einem Zettel. Und er ließ sich nicht lange bitten und schlug sich den Bauch voll. Mit einem Milchrand um den Mund kletterte auf das Sofa und machte es sich richtig gemütlich. Weihnachtliche Leckereien wollen in Ruhe verdaut werden, dachte er, legte die Händen auf den vollen Bauch und schloss die Augen.
Und wie er da so lümmelte, hörte er auf einmal leise Schritte. Schnell versteckte er sich hinter einem Kissen. War Lieschen etwa aufgewacht und schaute nun, ob er schon da war? Nein, von Lieschen war nichts zu sehen. Nur die leisen Schritte hörte er ganz deutlich. Flink sprang er vom Sofa und schaute sich um. Er lief in die Küche, lauschte an Lieschens Kinderzimmertür, blinzelte hinter die Kommode im Wohnzimmer. Nichts. Nur diese Schritte. Mit dem Zeigefinger am Mund schlich er ganz leise rückwärts am Kamin entlang und da passierte es. Bumm! Er stieß gegen etwas. Dann kam ein Schrei. Blitzschnell drehte er sich um und sah in die schönsten Wichtelaugen, die ihn je angegiftet hatten.
Noch bevor er einen Ton sagen konnte, hörte er: “Wer zum Teufel bist Du denn? Und was machst Du hier? Du hast hier nichts zu suchen. Das ist meine Wichtelwohnung und das sind meine Menschen für die nächsten Wochen. Mach, dass Du raus kommst! Das gibt es ja wohl nicht. Und meine Kekse hast Du auch gegessen. Was denkst Du Dir dabei?”
Felix stand wie erstarrt da, schüttelte sich kurz und versuchte zu antworten. Doch er kam nicht zu Wort, und selbst wenn er dazu gekommen wäre, hätte er wohl keinen ganzen Satz zustande gebracht. In seinem Kopf war nur noch Wortsalat, sein Herz pochte wild und er konnte nichts anderes tun, als dieses wunderbare Wichtelinenwesen in all seiner Schönheit zu betrachten. Wie es so dastand, die Arme in die Seiten gestemmt und die wildesten Beschimpfungen in seine Richtung schickend. Es war wunderbar.
“Hallo! Hallo? Hörst Du mich? Sprichst Du vielleicht eine andere Sprache?”, fragte die Wichteline.
Langsam fand Felix den Faden wieder. “Ja, ich verstehe Dich. Ich bin Felix und das hier ist die Wohnung von meinem Menschenkind.”
“Das kann gar nicht sein. Der Weihnachtsmann hat mich hierher geschickt. Gut, ich bin vielleicht etwas früh. Aber was macht das schon?!”, bekam er zur Antwort.
“Hm, das tut mir sehr leid. Aber ich wohne schon seit Jahren in der Vorweihnachtszeit hier.”
“Das ist mir egal. Auftrag ist Auftrag. Und jetzt mach Dich raus!”, befahl sie.
Das war alles sehr seltsam und Felix verstand nicht, warum er nicht mehr Lieschens Wichtel sein sollte. Er kannte sie schon so lange und überhaupt, wohin sollte er denn jetzt gehen. Also stemmte er jetzt die Arme in die Seiten und sagte entschlossen: “Nö!”
Er wollte nicht gehen. Wegen Lieschen. Jawohl! Und ein bisschen auch wegen der Wichteline, die sich jetzt von ihm wegdrehte und vor sich hin schimpfte.
“Das kann doch wohl nicht wahr sein! Das lasse ich mir nicht gefallen! So wahr ich Elva heiße!”
Elva, dachte Felix, was für ein schöner Name! Er klang wie Musik in seinen Ohren. Elvaaaaa! Hatte die Welt je einen schöneren Wichtelinennamen gehört?! Und während er sich den Klang ihres Names noch auf seiner Zunge zergehen ließ, stapfte sie schon entschlossen Richtung Wichtelzimmer. Doch halt, da wohnte er doch und der Weihnachtsmann hatte einmal gesagt, dass Besuch am ersten Abend nicht erwünscht ist. Mit einem Satz sprang er vor die Tür und versperrte sie.
“Du willst mich doch wohl nicht hier im Wohnzimmer der Menschen schlafen lassen?” fragte sie.
Wollte er das? Hm, er war in einer Zwickmühle. Doch noch bevor er antworten konnte, drehte Elva sich um und lief in Richtung Küche.
“Wenn Du schon meine Kekse aufgegessen hast, plündere ich eben in Kühlschrank!”, sagte sie.
Oh nein, das war keine gute Idee. Die Menscheneltern machten vieles mit. Aber der Kühlschrank war heilig. Und es war bisher auch nicht nötig gewesen, denn er hatte immer reichlich Süßigkeiten und Milch bekommen. Also rannte er wie der Wind hinter Elva her. Kurz vor der Küche hatte er sie fast eingeholt. Doch sie schlug einen Haken und sauste an ihm vorbei zurück Richtung Wichtelzimmer. Ihm blieb keine andere Wahl. Mit einem großen Sprung sauste er an ihr vorüber und stoppte sie kurz vor ihrem Ziel. Er hielt sie an den Schultern fest und der Sturm ihrer Worte blies ihm ungehindert ins Gesicht.
“Was glaubst Du eigentlich, wer Du bist? Fass mich nicht an!” Sie war so wunderbar empört.
Und wie sie so auf Felix einschimpfte, ging plötzlich das Licht an. Wie erstarrt blieben die beiden Wichtel stehen und sahen direkt in die Augen der Menscheneltern, die jetzt in der Wohnzimmertür standen. Verdammt, das würde so richtig Ärger geben, dachte Felix. Nicht nur mit den Menschen, sondern vor allem mit dem Weihnachtsmann. Denn das Wichtelgesetz Nummer 1 heisst: Niemals darf ein Mensch einen Wichtel sehen. Wie hatte das passieren können?
Es war mucksmäuschenstill. Felix und Elva trauten sich nicht einmal zu atmen. Auch das Baby auf dem Arm der Menschenmama starrte die beiden Wichtel an. Minuten vergingen. Und dann begann es plötzlich laut zu lachen und zu juchzen. Es streckte die Arme nach ihnen aus und war so fröhlich, dass auch die Menscheneltern zu lachen begannen. Puh, Felix fiel ein Stein vom Herzen. Und als die Menschenmama sich zu den Wichteln herunterbeugte und das Baby Elva in die Augen sah, wussten Felix auch, warum die Wichteline hier war. “Das ist Martin,” sagte der Menschenpapa. “Er ist gerade erst drei Tage alt.” Deswegen war Elva hier. Martin war ihr Menschenkind. Dann sah Felix Elva lächeln und eine Träne hüpfte ihr aus dem linken Auge. So blieben sie noch eine Weile beizusammen und die Menscheneltern versprachen den Wichteln, dem Weihnachtsmann nichts zu erzählen. Erleichtert fielen sich Elva und Felix für einen kleinen Moment in die Arme und nahmen dann blitzschnell wieder Abstand.
Und wie sie so da standen, hörten sie Lieschens Kinderzimmertür klappen. “Mama, Papa, es schneit!”, rief sie. Die Menscheneltern drehten sich um und Elva und Felix verschwanden flink im Wichtelzimmer, damit Lieschen sie nicht auch noch sah. Und wo im letzten Jahr nur ein kleiner Raum war, gab es jetzt eine richtige Wichtelwohnung, in der sie beide Platz finden würden.
Als es wieder still und dunkel bei den Menschen geworden war, schlüpften sie noch einmal ins Wohnzimmer, kletterten auf die Fensterbank und sahen den Schneeflocken beim Tanzen zu. Elva erzählte Geschichten aus den verschneiten Weiten Schwedens, wo sie in den letzten Jahren ihre Späße mit Björn getrieben hatte.
Später in der Nacht konnte Felix nicht schlafen, weil sein Herz so weit war. Leise schlich er sich aus dem Haus und trat kleine Wichtelfußstapfen in den frisch gefallenen Schnee. Er lief ein Stück die Straße entlang und sah plötzlich einen alten Mann in einem langen schwarzen Mantel auf ihn zu kommen. Den kannte er noch vom letzten Jahr.
“Hallo, erinnern Sie sich an mich?”, fragte der Wichtel. “Ich bin Felix. Sie haben mir im letzten Jahr die Geschichte von Kater Felix erzählt.”
“Natürlich erinnere ich mich an Dich. Ich vergesse nie ein Gesicht. Und schon gar nicht das eines Wichtels.” antworte der alte Mann und lächelte dabei. “Ich sehe, es ist Dir gut ergangen. Du strahlst wie ein helles Licht in dieser schönen Winternacht.”
“Ach weißt Du, es ist alles so wunderbar. Mit Elva und Lieschen und überhaupt. Und dann war da der Kamin und die Menscheneltern und..” überschlug sich Felix.
“Moment! Moment! Nicht so schnell! Lass uns gemeinsam ein Stück gehen und Du erzählst mir die ganze Geschichte”, schlug der Alte vor.
Und so liefen sie los und der Wichtel erzählte ihm alles. Irgendwann sagte er: “Und jetzt ist Elva da und mein Herz pocht laut und ich bringe manchmal kein Wort heraus. Und ich muss meine Kekse teilen und gleichzeitig fühle ich so viel Glück.”
Der alte Mann schwieg eine Weile und sagte dann: “Glück? Ja, nenn es Glück. Doch es ist die Liebe, die Dich gefunden hat und die jetzt jede deiner Zellen flutet. Genieße sie, denn sie ist ein zarter Vogel. Sie lässt sich nicht locken oder festhalten. Sie will einfach sein! Und in Deinem reinen Herzen hat sie einen wunderbaren Ort gefunden.”
“Die Liebe?! Meinst Du?” Felix kratzte sich am Kopf und schaute verlegen nach unten.
“Ja, die Liebe, mein Freund. Folge einfach Deinem Herzen!” hörte der Wichtel den Alten noch sagen und dann war der wieder verschwunden.
Also machte Felix das. Er fragte sein Herz und es erzählte ihm von der Rose an der Promenade, die immer immer noch blühte.
In dieser Nacht, als der Schnee noch leise auf die Insel fiel, weckte Felix Elva ganz vorsichtig und sagte ihr, er müsse ihr etwas Wunderschönes zeigen. Er führte die verschlafene Wichteline zur Promenade und zeigte ihr die Rose, die inmitten von Dunkelheit und Kälte blühte und noch immer wunderbar duftete. Ganz verzaubert lächelte Elva und brauchte nun keine Worte mehr. Dann setzten sie sich auf eine Bank und ließen die Beine baumeln. Zwei Schneeflocken landeten auf ihren Nasenspitzen, ihre Wangen leuchteten rosig und sie mussten lachen. Für einen winzig kleinen Moment berührte Elvas Hand dabei die von Felix. Sie sahen sich an und aus ihrem Blick entstand ein Stern, der hinauf in den Himmel flog, um sich dort einen Platz zu suchen und über die beiden zu wachen. Und dort steht er heute noch. Wenn Du ihn suchst, wirst Du ihn finden heute Nacht.
12 Kommentare
Hallo Claudia!
Hab‘ grad die neue Geschichte von Felix gelesen und mir sind die Tränen runtergelaufen… so süüüß! Vielen Dank und eine wunderschöne Adventszeit für Dich!
Liebe Grüße,
Gudrun und Peter und Rieke!
Ich liebe diese Geschichten und könnte sie stundenlang lesen 🫶 Dankeschön für ein paar Minuten wunderschöne Zeilen. Für ein wenig Entspannung und etwas Ruhe mit schönen Gedanken.
Hallo Claudia,
Das ist so eine schöne Geschichte🤗. Sie geht mir richtig ans Herz. Unsere Welt benötigt so viel von dieser Magie der Liebe. Egal in welcher Form.
Danke das Du wieder schreibst und mich mit deinen Geschichten glücklich machen kannst. Für mich ist es gerade nicht so leicht.
Ich wünsche Dir und deinen Lieben einen schönen 1.Advent. 🕯🎄
Liebe Grüße auf meine Lieblingsinsel
So wunderbar! Danke!
Schönen ersten Advent!
Ich liebe die Wichtelgeschichten. Sie gehören für mich zum Zauber der Weihnacht einfach mit dazu.
Hallo Claudia 😌
das ist eine so schöne Geschichte
Ich habe mich riesig gefreut, wieder was von Dir zu lesen.
Einen schönen 1. Advent 🕯 und liebe Grüße an Dich und an unsere Lieblingsinsel
Hallo Claudia,
ein herzliches Dankeschön für diese wunderbare Wichtelgeschichte. Ich (76 Jahre) habe sie mit Begeisterung gelesen und gleich nach Bayern weitergeleitet, damit eine befreundete Oma sie ihren Enkeln vorlesen kann.
Liebe Grüße nach Bansin und eine schöne Advents- und Weihnachtszeit wünscht
Ingrid aus Berlin
Hallo, meine Liebe Claudia
Du bist einfach genial.
Einfach eine sehr gute Sache.
Ich würde mich sehr über mehr Geschichten freuen . 🥰
Hallo Claudia
So schön von dir zu hören!
Die berührenden Wichtelgeschichten vor dem Kamin……..einfach entspannend!
Ebenso alle deine anderen Geschichten.
Kann man immer wieder lesen!
Eine gemütliche Adventszeit aus dem Schwabenland!
Und liebe Grüße auf die Insel!
Hallo Claudia,
eine wunderschöne und berührende Geschichte. Ich habe mich sofort an die vom vorigen Jahr erinnert.
Du schreibst so einfühlsam, man fühlt sich mitgenommen und in die Geschichte hinein versetzt.
Ganz lieben Dank dafür.
Ich wünsche dir eine schöne und besinnliche Weihnachtszeit.
Liebe Grüße auf die wunderschöne Insel Usedom.
Liebe Claudia,
Deine Wichtelgeschichten sind immer so schön, dass es mir so vorkommt, als wäre ich dabei.
Hab noch eine schöne Vorweihnachtszeit 🕯🕯🕯🕯🎄
Viele liebe Grüße
Renate aus Süddeutschland 🌞
… und bevor ich’s vergesse:
ALLES LIEBE UND GUTE ZUM GEBURTSTAG 🎶🎂🎶⭐️🎶💜🎁
Gesundheit 🙏🏻 und Glück 🙏🏻👍🎵🫶
Liebe Grüße
Renate aus Süddeutschland 🌞